ALTMEYER: In Ihrem legendären F.A.Z-Artikel “Wie das Fernsehen Autoren vernichtet” über die desolate Situation der deutschen Film- und Fernsehlandschaft beklagen Sie den respektlosen Umgang gegenüber den Autoren. Was hat Sie dazu veranlasst?
STROMIEDEL: Ich schreibe seit mehr als zehn Jahren fürs Fernsehen und habe – wie die meisten meiner Kollegen – teilweise sehr unangenehme Erlebnisse gehabt. Es war an der Zeit, mit aller Vorsicht, aber auch aller nötigen Klarheit diese Dinge anzusprechen.
ALTMEYER: Wie genau äußert sich die Respektlosigkeit, mit der Redakteure und Produzenten den Drehbuchautoren gegenüber treten?
STROMIEDEL: Ich habe damals angemerkt, dass im Selbstverständnis vieler Macher und Entscheider Fernsehautoren Erfüllungsgehilfen ihrer eigenen konkreten Vorstellungen sind. Nicht das Unerwartete wird gesucht, sondern das Vertraute, das Gewohnte, zwar in stets neuem Gewand, im Kern aber gleich. Das Ergebnis ist die Variation des Immergleichen. Zwar gibt es in den Redaktionen durchaus Courage, Begeisterung und die Lust am Neuem, aber sie wird verschlissen in Konferenzen und Entscheidungsgremien, sie wird betäubt durch Quotendruck und die Angst vor Misserfolg.
ALTMEYER: Sie haben wiederum sehr gute Erfahrungen als Romanautor gemacht. In wie fern unterscheidet sich der Literaturbetrieb im Umgang mit den Autoren vom Film- und Fernsehbetrieb?
STROMIEDEL: Dazu nur ein Beispiel: Als ich mein Manuskript für meinen ersten Roman „Zwillingsspiel“ abgegeben hatte, wurde ich zur Vertreterkonferenz in den Verlag eingeladen. Die Verlagsleiterin von Droemer-Knaur begrüßte mich mit den Worten: „Herzlichen Dank, dass Sie uns Ihr Manuskript anvertrauen.“ Einen solchen Satz hatte ich in meinen Jahren als Drehbuchautor nie gehört. Als ich mein erstes Drehbuch für einen „Tatort“ abgab, sagte der Regisseur nur: „Ich hab noch nie in meinem Leben einen solchen Mist gelesen.“ Im Literaturbetrieb, bei dem es ja in letzter Konsequenz ums Geschäft geht, wird der Autor dennoch mit mehr Achtung behandelt als im Fernsehen, seine Arbeit wird mehr wertgeschätzt, weil sich jeder bewusst ist, dass es ohne die Autorinnen und Autoren eben nicht geht. Dieses Bewusstsein fehlt manchem in der Fernsehbranche. Übrigens ist der anfangs kritisierte Tatort nach langen Auseinandersetzungen dann doch realisiert worden, und er war der erfolgreichste Fernsehfilm des Jahres mit über zehn Millionen Zuschauern. Denn zu der Geschichte dieses Films gehört auch, dass die Redaktion sich damals sehr gut verhalten und das Buch gegen die Produktion und den Regisseur verteidigt hat.
ALTMEYER: Hat es wiederum auch Stoffe von Ihnen gegeben, die Sie am Ende des Entwicklungsprozesses kaum noch wiedererkannt haben?
STROMIEDEL: Nein, weil ich den Anspruch habe, den Prozess immer in der Hand zu behalten bis zur Drehfassung. Vielleicht ist das ja eine Schwäche von mir, aber ich bin schon die verwegensten Wege mit meinen Auftraggebern mitgegangen und habe versucht, aus den unmöglichsten Anmerkungen immer noch das Beste herauszuholen. Dabei entstehen gelegentlich Filme, die gar nicht schlecht sind, aber ganz anders, als ich ursprünglich gewollt hatte.
ALTMEYER: Wie sehen Sie generell das Verhältnis zwischen Anspruch und Unterhaltung im deutschen Fernsehen? Gibt es in der deutschen Fernsehlandschaft die Möglichkeit diesen scheinbaren Widerspruch aufzuheben?
STROMIEDEL: Es hat in jüngster Zeit einige Veränderungen gegeben in den Entscheidungsetagen, im vergangenen Jahr z. B. beim ZDF und nun auch beim NDR. Da will ich einfach die Hoffnung haben, dass sich etwas verändert. Es ist ja nicht so, dass die Menschen in den Redaktionen die Situation nicht überblicken. Es braucht nun den Mut, sich an Fernsehstoffe zu wagen, die genau diesen Widerspruch zwischen Anspruch und Unterhaltung auflösen. Genau das habe ich mit meinen beiden Romanen „Feuertaufe“ und „Zwillingsspiel“ versucht.
ALTMEYER: Wie sieht denn die Innovationsfreude der Sender zur Zeit aus? Gibt es da eine Nachfrage nach Neuem und Originellem oder wird hauptsächlich auf das Altbewährte gesetzt?
STROMIEDEL: Es kommt auf die Sendeplätze an. Manche sind fest wie Beton, da passiert gar nichts, und vielleicht ist das auch richtig so, denn es gibt ja nicht wenige Zuschauer, die sich jede Woche die im Grunde gleiche herzig-rührige Geschichte ansehen. Aber auf anderen Sendeplätzen gibt es Bewegung in die richtige Richtung. Und die müssen wir unterstützen!
ALTMEYER: Honoriert das Publikum diese Bewegung?
STROMIEDEL: Ich hoffe, dass diese Entwicklung nicht zu spät kommt! Das Publikum hat die Stagnation der vergangenen Jahre gespürt und sich mehr und mehr abgewendet, zwar langsam, aber letztlich unübersehbar. Und Zuschauer, die wir einmal verloren haben, bekommen wir nicht wieder. Das Schlimme ist, dass wir nicht nur Zuschauer, sondern auch Kreative verloren haben.
ALTMEYER: Geht bei all der Frustration in der Branche die Leidenschaft des Drehbuchschreibens nicht verloren?
STROMIEDEL: Ich finde das Drehbuchschreiben immer noch hochgradig faszinierend. Ich arbeite seit mehr als zehn Jahren als Drehbuchautor, habe viel geschrieben in dieser Zeit, vor allem Krimis. Abgesehen davon, dass ich nach all den Jahren keine Leichen mehr sehen kann, macht mir das Schreiben von Filmen immer noch großen Spaß. Es ist eines der schönsten Dinge, die es gibt.
ALTMEYER: Wie unterscheidet sich die Arbeit für Serien von der Arbeit für Speilfilme? Worin liegen jeweils die Herausforderungen?
STROMIEDEL: Bei einem Spielfilm habe ich viel mehr Zeit, mich innerhalb einer Geschichte mit der Psychologie der Figuren zu beschäftigen, ich kann viel tiefer in die handelnden Figuren eindringen und Dinge erzählen und geschehen lassen, die die Zuschauer überraschen. Bei einer Serie ist alles andere als Überraschung gefragt, im Gegenteil: Der Zuschauer hat feste Erwartungen, die er erfüllt haben möchte, denn er hängt an seinen Figuren und letztlich auch am einmal etablierten Stil der Geschichten. Daran sollte man sich tunlichst als Autor halten, vor allem, wenn man in einem Team für eine Serie schreibt. Gegenüber einem Fernsehfilm habe ich in einer Serie allerdings die Möglichkeit, eine Figur über die lange Strecke von zum Beispiel 13 Folgen viel genauer auszuloten, wenn dies das Konzept der Serie zulässt.
ALTMEYER: Was den Drehbuchnachwuchs sicherlich interessiert: Wie haben Sie sich damals als Drehbuchautor etabliert? Wie haben Sie angefangen?
STROMIEDEL: Ich bin nach einem Drehbuchwettbewerb der Filmstiftung NRW, bei dem ich mit einem sehr intellektuellen Sience-Fiction-Drehbuch einen der Preise gewonnen hatte, als Dramaturg zum Marienhof gegangen. Das war für mich kein Abstieg, es war einfach ein anderes Genre – mich hat es gereizt, Bücher zu entwickeln und zu schreiben und dann sofort zu sehen, wie sie realisiert werden. Nach gut einem Jahr bei der Soap und einem weiteren als Chefdramaturg der Serien-Entwicklung der Bavaria-Film habe ich dann meinen ersten Tatort geschrieben – über eine Soap-Produktion. Das war mein Einstieg.
ALTMEYER: Was würden Sie einem jungen Drehbuchautor, der am Beginn seines Berufslebens steht als guten Rat mit auf den Weg geben?
STROMIEDEL: Er muss beharrlich sein! Darf ich mich selbst zitieren, aus meiner Keynote zu einer Podiumsdiskussion beim Filmkongress der Filmstiftung NRW? „Er muss, wenn er vom Kino träumt, bereit sein, einen langen Atem zu haben, für ein, zwei, manchmal drei Jahre, in denen er am Buch arbeitet und in denen die Finanzierung auf die Beine gestellt wird. Er muss bereit sein, seine Geschichte wieder und wieder zu verändern und umzuschreiben, denn er begegnet im Laufe der Arbeit an seinem Buch vielen Menschen, die ihre Sicht auf den Stoff haben und diese auch im Drehbuch wiedererkennen wollen: der Produzent, sein Producer, der Regisseur, die Hauptdarsteller, diverse Co-Produzenten, der Verleiher und nicht zuletzt – es geht ums Geld – ein oder mehrere Fernsehredakteure und deren Chefs. Er muss bereit sein, ganz in seinem Buch aufzugehen und sich die Begeisterung zu bewahren, die er gespürt hatte, als irgendwann die erste Idee zu der Geschichte in seinem Kopf entstand. Er muss bereit sein, seine Idee zu verteidigen und allem standzuhalten, was seine Geschichte verraten würde. Er muss bereit sein, zu streiten und Mitstreiter zu finden, die gemeinsam mit ihm seine Geschichte voranbringen. Er muss bereit sein, sein Buch zu lieben und bis zum Schluss daran zu glauben, dass sein Kampf Sinn macht.“ Was folgt daraus: Er muss seinen Job lieben und ihn wirklich tun wollen, denn sonst hat er nicht die Energie, das alles durchzustehen.
ALTMEYER: Gibt es Drehbuchliteratur, die Sie empfehlen würden und die Sie persönlich außerordentlich geprägt hat?
STROMIEDEL: Nein, die gibt es nicht. Ich habe mich am Anfang sehr mit der Heldenreise nach Joseph Campbell beschäftigt (Der Heros in tausend Gestalten), das war sehr spannend, hilft aber im Fernsehen nicht wirklich. Gelernt habe ich durchs Schauen und durchs Schreiben. Ist jetzt vielleicht eine unbefriedigende Antwort. War aber wirklich so.
Das Gespräch führte Markus Altmeyer
Markus Stromiedel, Jahrgang 1964, schreibt seit bald 15 Jahren Drehbücher, insbesondere Krimis, seine Filme sind die mit am erfolgreichsten im deutschen Fernsehen. Aus seiner Feder stammt u.a. die Figur des wortkargen Kripokommissars Klaus Borowski (Tatort Kiel). Seit 2008 ist Markus Stromiedel auch als Romanautor aktiv („Zwillingsspiel“ und „Feuertaufe“, beide bei Droemer-Knaur).
Mehr Informationen gibt es auf seinen Webseiten www.markus-stromiedel.de und www.stromiedel.de
