“Ich glaube eigentlich nicht an Fortschritt – ich denke, wenn die Geschichte eines beweist, dann, dass es keine kontinuierliche Entwicklung zum Besseren gibt – der Mensch war immer so grausam wie moeglich -und wird es immer sein.” (Christoph Hochhäusler)
ALTMEYER: Lieber Herr Hochhäusler, zunächst eine rhetorische Frage, auf die Sie aber gerne antworten dürfen und sollen: „Ist das Autorenkino tot?”
HOCHHÄUSLER: Der Begriff war immer problematisch als deutsche Variante der politique des auteurs — weil er eine im Grunde genommen für alle beteiligten unbefriedigende Situation idealisiert: nämlich die Personalunion von Drehbuch, Regie, gelegentlich auch Produktion und manchem mehr — aus Mangel an professionelleren Strukturen. Die grossen Meister des europäischen Kinos — von Jean Renoir bis Andrej Tarkovski, von Michelangelo Antonioni bis Luis Bunuel etc. haben fast immer mit grossen Drehbuchautoren gearbeitet und wären ohne die (immer auch unternehmerische) Leistung ihrer Produzenten nicht in der Lage gewesen, in dem Massstab ihrer besten Filme zu arbeiten. Gleichzeitig ist das Autorenkino keinenfalls tot, schon weil der Mangel weiterbesteht und der Begriff insofern mindestens strukturell weiterexistiert. Zweifelsohne gibt es auch ganz grossartige Autorenfilme, die aus der Personalunion ihre Kraft schöpfen — bei Fassbinder, Kluge, Syberberg, Herzog ist das immer wieder so gewesen, auch Chaplin war Autorenfilmer! — aber auch deren beste Filme (würde ich behaupten) sind auf dem Humus grossartiger Mitarbeiter gewachsen, die man gerne unterschlägt.
ALTMEYER: Auch auf die Gefahr hin, mich jetzt anzuhören, wie ein Mitglied der Prüfungskommission einer Filmhochschule während eines Auswahlgesprächs: Wann wussten Sie, dass Sie Filme machen wollen? Gab es da eine Art Erkenntnismoment? Was treibt Sie an?
HOCHHÄUSLER: So wenig wie ich an die Geniefigur des 19. Jahrhunderts glaube — ein Blitz der Inspiration durchzuckt die hohe, schweissbedeckte Stirn des Künstlers etc. — so wenig sehe ich mein Leben als eine Abfolge von heroischen Wendepunkten. Filme haben mich begeistert, das Medium schien so viele meiner Leidenschaften in sich aufzunehmen, dass ich mich mehr und mehr dafür zu interessieren begann. Und natürlich will man irgendwann selbst probieren, was man liebt. Was mich antreibt ist schwer zu sagen — ich weiss nicht, ob ein Lebender darauf antworten kann.
ALTMEYER: Sie waren Student an der HFF in München, einer Schule, über die Sie sich häufig kritisch äußern. In wie fern existierten oder existieren dort Dogmen und Konventionen, die Sie brechen wollten?
HOCHHÄUSLER: Wahrscheinlich waren meine Erwartungen einfach nur falsch. Die meisten meiner Kommilitonen beklagen sich nicht, denn natürlich kann und konnte man von der Infrastruktur dieser Schule eine Menge “mitnehmen”. Auch die dort geknüpften Netzwerke sind viel wert — übrigens auch für mich. Trotzdem denke ich, dass sich die Filmschulen in einer Zeit, in der sich das rein handwerkliche Wissen so weit demokratisiert hat, viel stärker auf die Kernfragen des Mediums konzentrieren sollten, sozusagen am Film der Zukunft forschen müssten, statt ein bayrisches “so wird´s gmacht” zu pflegen.
ALTMEYER: Nietzsche hat gesagt: „wer etwas kann, der tut es, wer etwas nicht kann, der lehrt es.” Ich persönlich zweifle oft an der Legitimation von Filmschulen. Für viele Studenten scheint Pragmatismus die Motivation zu sein: Man lernt die ‚richtigen’ Leute kennen, bekommt ein Budget für seine Filme und kann schließlich einen netten Abschlussfilm als Visitenkarte vorweisen. Worin lag Ihr persönlicher Nutzen der Ausbildung an der HFF?
HOCHHÄUSLER: Das Kostbarste ist: Weggefährten zu finden. Gleichgesinnte. Das ist nicht jedem vergönnt, und ist natürlich auch ausserhalb der Schulen möglich, aber die Chance, auf einer Filmhochschule Verwandte zu finden ist wahrscheinlich grösser als Draussen… Revolver ist so entstanden, an der HFF. Insofern habe ich meiner Zeit an der Schule viel zu verdanken. Was den grundsaetzlichen Zweifel an Schulen betrifft… ich glaube im Prinzip an den Sinn von Schulen, in einer so arbeitsteiligen Gesellschaft kann der Wissenstransfer gar nicht anders organisiert werden, aber schon immer gab es Charaktere, die besser ohne Schule zurechtkamen, warum auch nicht.
ALTMEYER: Sie haben, wenn ich mich recht erinnere, die Filmschule oder generell „den Film” im Sinne eines Milieus mal als ‚Arschlochmagnet’ bezeichnet. Können Sie das erläutern?
HOCHHÄUSLER: Weniger polemisch ausgedrückt: wir alle wollen gesehen werden, auch in der medialen Wirklichkeit vorkommen, uns einschreiben — und insofern ist das Licht des Films besonders anziehend. Aber natürlich sind nicht alle, die sich angezogen fühlen, geeignet, Filme zu machen. Daraus kann man dann Konsequenzen ziehen und ein anderes Feld suchen – oder kompensieren… Das betrifft aber natürlich alle Berufe und Branchen. Nur strahlt der Film sozial heller als die meisten anderen Berufe…
ALTMEYER: Wie frei sind Filmemacher im Allgemeinen in Deutschland in der Gestaltung ihrer Filme, angefangen bei der Stoffentwicklung bis hin zum Schnitt? Wie frei fühlen Sie selbst sich im Speziellen?
HOCHHÄUSLER: Eine so teure Kunst ist in jedem System ein Politikum… Film ist immer eine Kunst des Möglichen. Die Frage nach der Freiheit ist schwer zu beantworten, weil wir uns ja alle Illusionen hingeben, unsere Moeglichkeiten betreffend. Meistens erschoepft sich unsere “Freiheit” darin, das zu wollen, was gerade machbar und akzeptiert ist. Aber wenn es wahr ist, dass sich die wahre Freiheit in der Abweichung zeigt, ist es im deutschen Film nicht weit her damit, oder? Das hat weniger mit “Verboten” zu tun, nichts mit Zensur, als mit der Dynamik grosser Strukturen, denke ich. Aber natuerlich gibt es auch einen ideologischen Anteil… kulturell erlebe ich im deutschen Mainstream eine sehr starke Sehnsucht nach Konformität, die aggressiv auf Abweichler reagiert. Niemand soll den Traum von einer Industrie stoeren, oder das, was formal angeblich damit einhergehen muss. Das Verzwickte an dem Thema ist die vorauseilende Selbstzensur, die zwar ein Spiegel des kulturellen Klimas ist —- aber eben auch “die eigene Schuld” ist…
ALTMEYER: Der Mensch neigt zur Etikettierung. Sprechen auch wir daher kurz über das ‚Label’ Berliner Schule. Nun könnte man sagen, dass das Gemeinsame an den Filmen der so genannten Berliner Schule auch ein gewisser Widerstand gegenüber narrativen Konventionen ist, also eine Überwindung bestimmter ‚Invarianten’. Wenn nun aber die Filmkritik diese Filme gleich wieder kategorisiert, werden ihnen ja erneut Invarianten unterstellt. Ist das nicht frustrierend?
HOCHHÄUSLER: Ich denke, es ist Aufgabe der Kritik, in einer “Werkstatt der Begriffe” Modelle, Beschreibungen, Thesen zur Gegenwart zu formulieren. Wenn ein Begriff, der womoeglich gerade noch gueltig war, in Konflikt geraet, mit der eigenen Arbeit zum Beispiel, muss er eben verschaerft oder verworfen werden. Seltsam an dem Begriff “Berliner Schule” ist fuer mich manchmal die Historisierung — waehrend wir Schwierigkeiten haben, unsere aktuellen Projekte zu finanzieren, finden in der ganzen Welt Retrospektiven statt…
ALTMEYER: Manchmal macht mir der massenmediale ‚Fortschritt’ richtig Angst: das chaotische Internet mit seiner abstrusen Hyperlinkstruktur ohne jegliche Form von Kontinuität, die YouTube- und Handyfilm-Generation mit einer Aufmerksamkeitsspanne von nicht mehr als drei Minuten und die Web2.0-Narzissten, die den ganzen Tag profilneurotisch damit beschäftigt sind, sich selbst darzustellen, ohne zu merken, dass diese Selbstdarstellung niemanden erreicht, da die potentiellen Adressaten ebenfalls nur noch damit beschäftigt sind, sich selbst zu profilieren. An anderen Tagen denke ich mir, dass sich durch die Digitalisierung und das Internet endlich die Demokratisierung der Kunst vollends entfalten kann und der ‚massenmedialer Machtblock Fernsehen’ und elitäre Kunstkinostrukturen ad absurdum geführt wird. Sind solche Entwicklungen für Sie relevant bzw. interessant?
HOCHHÄUSLER: Ich verstehe die Sorge, man koente argumentieren, die “Kategorie Zusammenhang” sei in der Krise — aber andererseits war sie das immer. Das liegt in der Natur unseres Wirklichkeitsbegriffes. Die neuen Techniken bieten grosse Chancen, die neue Bluehte der Cinephilie zum Beispiel waere ohne die Vernetzung nicht denkbar, ploetzlich werden sich viele Einzelgaenger bewusst, dass sie nicht alleine sind, womoeglich entwickelt sich aus der Summe der Einzelnen ein neuer Begriff des Politischen — gleichzeitig sind die Hoffnungen, was die Demokratisierung betrifft, truegerisch. Die Technik veraendert die Formen der Kultur, aber die Widerstaende, die Probleme des Menschseins bleiben hartnaeckig gleich. Ich glaube eigentlich nicht an Fortschritt — ich denke, wenn die Geschichte eines beweist, dann, dass es keine kontinuierliche Entwicklung zum Besseren gibt — der Mensch war immer so grausam wie moeglich — und wird es immer sein.
ALTMEYER: Was bedeutet Film für Sie gesamtgesellschaftlich? Worin liegt seine kulturelle Relevanz? Wie würden Sie jemanden davon überzeugen, dass es wichtig, sinnvoll und notwendig ist, die Kunstform Film auch in ‘wirtschaftlich schlechten Zeiten’ zu fördern?
HOCHHÄUSLER: Ich sehe im Film ein wichtiges Werkzeug im Prozess der Herstellung von “Realitaet” — ein Vehikel der Kommunikation, das es uns erlaubt, die Welt zu “verhandeln” — jedenfalls dann, wenn die Bilder, Metaphern und Stimmungen genau sind, geeignet, unsere Gegenwart zu diskutieren, zu fassen, zu bewegen. Ein guter Film bewegt sich an der Grenze des Namen- und Formlosen, schaelt etwas heraus, was wir alle spueren oder wissen, aber nicht benennen koennen. Nur ein Kino, das sich in der Fantasie der Zuschauer entzuendet, das im Kontakt mit den vitalen Interessen seiner Zeit steht, laesst sich rechtfertigen — vor dem Hintergrund staatlicher Mittel, aber auch sonst. Das Kino muss uns etwas geben, mindestens einen Gegenwert fuer die Aufmerksamkeit, die Stille, das lange Sitzen — was brauchbar ist, in einem poetischen Sinne. Es muss, um mit Godard zu sprechen, Auskunft geben ueber unsere Identitaet. All diese Kategorien sind aber sehr schwer einzuklagen —
ALTMEYER: Können Sie 5 Filme nennen, die Ihr Leben nachhaltig verändert haben?
HOCHHÄUSLER: Ich misstraue Listen — in meinem Kopf sind viele Filme in Bewegung — aber naturlich gibt es Filme, die ich immer wieder aufsuche, “um Rat frage”, die mich immer wieder begeistern. Filme wie TROUBLE IN PARADISE (Ernst Lubitsch), ANDREJ RUBLEV (Andrej Tarkovsky), OSSESSIONE (Luchino Visconti), GOODFELLAS (Martin Scorsese), WILD AT HEART (David Lynch), HOTEL TERMINUS (Marcel Ophuels), NOTORIOUS (Alfred Hitchcock), YOUNG MR. LINCOLN (John Ford), STEAMBOAT BILL JR. (Buster Keaton), MALADY TROPICAL (Apichatpong Weerasethakul), M (Fritz Lang) usw. usw. —
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